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Erich Gruber

Erich Gruber | Camera Obscura | 6. April bis 26. Mai 2017


 (Tina Teufel, Kuratorin, Museum der Moderne, Salzburg)

 

 Obschon Malerei zunächst sein Schaffen dominierte und jüngst auch Textilarbeiten zu seinen Ausdrucksmitteln gehören, ist die Zeichnung stetige und wichtige Begleiterin im künstlerischen Schaffen von Erich Gruber und, meiner Meinung nach, sein eindrucksvollstes Metier. Die hier in der Ausstellung versammelten Werke sind innerhalb eines Jahres 2016 und 2017 entstanden. Mit ihnen nimmt er den Faden seiner langjährigen Faszination für das Morbide und Vergängliche, für Tiere und insbesondere Insekten wieder auf und macht sie zu einer Schnittstelle zwischen Figuration und Abstraktion. Besonders fasziniert dabei nicht nur die Dimensionen seiner Zeichnungen, die inzwischen über das vorher übliche, kleine Blattmaß hinausgehen, sondern vor allem sein Umgang mit dem Bleistift: Virtuos nähern sich die Zeichnungen fotorealistischen Darstellungen an, liebäugeln dabei immer wieder mit der Abstraktion, der er 2011 eine erste umfassende Werkgruppe gewidmet hatte, und bieten bei eingehender Betrachtung die gesamte Bandbreite der Möglichkeiten, die ein Bleistift zu erschaffen vermag – vom sanften, wie gehaucht wirkenden Berühren bis hin zu einer regelrechten Penetration des Papiers durch harte Striche oder Punktierungen, von weichem Sfumato hin zu glatt poliert erscheinenden Oberflächen.

 

Bereits in den früheren Arbeiten Erich Grubers spielen Tiere eine große Rolle. Es sind aber nicht Studien lebender Exemplare, die er in etwa in freier Wildbahn beobachtet, sondern vielmehr durch den Menschen konservierte und somit zu einem gewissen Grad musealisierte Lebewesen, deren leibliche Überreste dem Zyklus des Werdens und Vergehens entrissen sind. Sie sind dazu verdammt, ihre weitere Existenz als Anschauungsobjekte der Menschen zu fristen. Ein Teil der hier präsentierten Zeichnungen knüpft an diese Werke an, die mit Sammlung 2, Sammlung 3 beziehungsweise Sammlung 6 betitelten Zeichnungen beispielsweise oder das gegenüber befindliche Bild Ausflug. Es sind dies Arbeiten, die einen naturwissenschaftlichen Forschungs- und Sammlungscharakter widerspiegeln, mehrere Exemplare – in diesem Fall von Insekten (Larven in unterschiedlichem Verpuppungszustand oder Motten) – nebeneinanderstellen. Das ist jedoch nur ein kleiner Aspekt, der uns vordergründig ins Auge sticht. Noch spannender ist es, sich auf eine eingehende, nähere Betrachtung der einzelnen Tiere einzulassen, auf die Art, wie Erich Gruber zeichnerisch mit ihren Körpern umgeht, wie er sie durch das Fehlen mancher charakteristischer Körperteile wie der Flügel, eines Kopfes oder der Gliedmaßen zu Skulpturen macht, deren Oberflächen unterschiedliche Qualitäten annehmen und Rätsel ob ihrer Materialität aufgeben. Und dann merken wir, dass es zum Beispiel die Tiere der Sammlung 3 tatsächlich gar nicht geben kann, es sich wirklich um freie Formen handelt, die uns aber aufgrund ihrer Anordnung und delikaten Behandlung täuschen konnten. Eine Sammlung von Käfern, Fliegen oder Ameisen – die Nr. 6, um genau zu sein – wird durch die flirrende, skizzenhafte, auf die Linie fokussierte Darstellung aus der Starre gelöst und könnte sogar wie eine Choreografie gelesen werden. Der Ausflug der Motten gegenüber scheint sie wahrhaftig aus ihrem Schaukasten zu lösen, die sie fixierenden Nägel ignorierend, in einen undefinierten Raum fliegen zu lassen. Ein Spiel mit der Unschärfe unterstreicht die räumliche Wirkung ebenso wie das Suggerieren von Bewegung, die durch den feinen Schattenwurf auf einen sonst undefinierten Boden betont wird.

 

Dem gegenüber stehen nun Zeichnungen, die ebenfalls Insekten, respektive singuläre Fragmente ihrer Körper zum Gegenstand haben: Apparat nennt Erich Gruber eine Serie, die Sie hier im ersten Raum sehen. Wie eine abstrakte Skulptur baut er Reste eines Spinnenkörpers in einem sachlich neutralen Bildraum auf, konstruiert Körper und Beine mit wissenschaftlich-akkurater Präzision zu maschinenartigen Objekten. Der Rahmen spiegelt noch das Thema des Schau- oder Schullehrkastens, könnte jedoch genauso die Rolle eines Vergrößerungsglases einnehmen, das es uns als Betrachterinnen ermöglicht, genauer hinzusehen, unsere anfängliche, anerzogene Abscheu und den leichten Anflug von Ekel zu überwinden. Ihre dunkle Oberfläche wird durch sanfte Lichtreflexe definiert. Die Ambiguität zwischen Organischem und Anorganischem, die in Erich Grubers Zeichnungen immer wieder präsent ist, ist auch hier augenscheinlich. Verstärkt wird dieser Effekt in der Zeichnung Großer Rest, die sich ebenfalls in diesem Raum befindet. Ähnlich dem Ausflug ist der Bildaufbau auch hier so gestaltet, dass die Bildelemente der vorderen und hinteren Bildebene unterschiedliche Grade von Unschärfe aufweisen, während jene des Mittelgrundes mit bestmöglicher Klarheit und Genauigkeit gezeichnet sind. Der Ausschnitt wirkt wie der Blick durch eine Lupe. Ein besonderer Augenmerk sei generell – hier jedoch im Speziellen – auf die zeichnerische Gestaltung des Bodens gerichtet, dessen feine Struktur fast unbemerkt bleibt, im Gesamten jedoch eine wichtige Rolle für die Wahrnehmung des Bildraumes spielt. Die Zeichnung wirkt wie ein Stillleben, das den Vanitas-Gedanken auf die Spitze treibt. Die klare Sachlichkeit der Zeichnungen verhindert jedoch das Gefühl von schwerem Pathos. Dass die Zeit in Erich Grubers Zeichnungen eine große Rolle spielt, wird hier noch einmal überdeutlich und auf unterschiedliche Weise thematisiert: Der Titel – Großer Rest – wirft Fragen nach der ursprünglichen Form auf, zu welcher „der Rest“ offenbar einmal gehörte und tatsächlich kann man bei eingehender Betrachtung erkennen, dass sich hier unterschiedliche „Zustände“ vergänglicher Körper eingefunden haben und eine Parallelität unterschiedliche Stadien des Zerfallsprozesses der organischen Hüllen erlauben. Gleichwohl werden wir uns bewusst, mit wie wenig Achtung vor den Lebewesen wir diese oft in einem schnellen Wink wegwischen, den Mikrokosmos der Insekten und Spinnentiere im Gegensatz zu unserem Mesokosmos kaum adäquat wahrnehmen und erleben können.

 

Die Arbeiten Relikt (im ersten Raum) und Schwarzkopf (hier) wiederum isolieren ein Versatzstück. In Blossfeldt’scher Manier wirkt der Körper einer Libelle mehr wie ein knospender Ast denn der Rumpf eines toten Tieres. Es stellt sich die Frage: Wie viel bleibt vom Tier, von den sterblichen Überresten eines Lebewesens bevor es zum puren Gegenstand wird? Die leblose Hülle, im Falle von Schwarzkopf der Kopf der Libelle beispielsweise, bleibt als verdichtete Form. Alles Helle, Bewegte ist verschwunden. Die Zeichnung wird zum Spiel mit dem größtmöglichen Grad an Abstraktion. Wie nah kann man an die Werke herantreten, wie viel Distanz benötigen oder vertragen sie, aber auch wie als Betrachtende? Winzige Details werden durch die Vergrößerung überhaupt erst sicht- und spürbar, wie beispielsweise die pelzartig anmutende Öffnung, die in den Zeichnungen mit dem Titel Propeller zu sehen ist, an welcher zu Lebzeiten der Kopf eines Käfers mit seinem Körper verbunden war. Aus den traurigen, leblosen Überresten eines Lebewesens, das im Begriff ist, sich aufzulösen, wird etwas Besonderes, ein Spiel zwischen Anziehung und Abstoßen.

 

Im Laufe der Entwicklung seines Oeuvres hat Erich Gruber der Zeichnung einen gleichwertigen Platz neben der Malerei und den textilen Arbeiten eingeräumt – eine Entwicklung, die in der Kunst des 21. Jahrhunderts ebenfalls vonstatten gegangen ist. Die Zeichnung ist eine, wenn nicht sogar die elementarste künstlerische Ausdrucksform überhaupt. Mit ihr eröffnet sich ein ganzer Kosmos an künstlerischen Möglichkeiten: von der einfachen Skizze bis hin zu fotorealistischer Perfektion und Präzision, vom Grafischen zum Malerischen, von einer kleinen schnellen bildnerischen Notiz zu einem zeitaufwändigen großformatigen Werk, vom Mikro- zum Makrokosmos. Lange stand die Zeichnung in der Hierarchie der Künste weit unten, spätestens mit dem 21. Jahrhundert jedoch wurde sie zu einem der wichtigsten und spannendsten Ausdrucksmitteln der schnelllebigen, zeitgenössischen Kunstproduktion. Mit Erich Gruber hat sie einen Meister gefunden!

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